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Wie Kondensstreifen die Erde wärmen – und was wir dagegen tun können

Keine Angst, hier geht es nicht um Chemtrails oder Geoengineering. Vielmehr möchte ich hier über einen spannenden Test von TUIfly sprechen. Die Fluggesellschaft versucht, die Bildung von Kondensstreifen zu reduzieren, um so die Auswirkungen auf das Klima positiv zu beeinflussen. Warum Kondensstreifen ein Problem sind, wie man sie reduzieren kann und was das für einen Effekt hat, erklären wir in diesem Deep Dive.

Warum erwärmen Kondensstreifen das Klima?

Wenn wir in den Himmel schauen, sehen wir Kondensstreifen, die sich nach wenigen Sekunden wieder auflösen – um diese soll es hier nicht gehen. Wir sehen aber auch Kondensstreifen, die sehr lange am Himmel stehen bleiben, und genau die sind ein Problem:

Die Wärmefalle

Die Erde strahlt ständig Wärme in Form von Infrarotstrahlung in den Weltraum ab. Wenn sich nun langlebige Kondensstreifen am Himmel bilden, wirken sie wie eine unsichtbare Decke:

  • Sie lassen das kurzwellige Sonnenlicht von oben größtenteils durch.
  • Aber sie blockieren die langwellige Wärmestrahlung, die von der Erde nach oben steigt.
  • Diese Wärme wird von den Eiskristallen absorbiert und teilweise wieder zurück zur Erde gestrahlt.

Tagsüber wirkt sich das dann so aus: Die Streifen werfen zwar etwas Sonnenlicht zurück ins All (kühlender Effekt), halten aber gleichzeitig die Erdwärme fest (wärmender Effekt). Meist überwiegt auch hier schon die Erwärmung. Nachts fehlt die kühlende Reflexion des Sonnenlichts komplett. Die Kondensstreifen wirken dann rein als „Wärmedämmung“ und verhindern, dass die Erde abkühlt.

Infografik: Wie Kondensstreifen die Erde erwärmen

Warum ist das für den Klimaschutz so wichtig?

Das Besondere an diesem Effekt ist die Unmittelbarkeit. Während CO₂ für Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt und dort kumulativ wirkt, verschwinden Kondensstreifen nach einigen Stunden wieder. Wenn wir es also schaffen, ihre Entstehung durch kluge Flugrouten zu verhindern, hat das einen sofortigen positiven Effekt auf die Klimabilanz dieses Fluges.

Wissenschaftler schätzen laut TUI Group, dass diese Effekte für etwa 1 bis 2 % der globalen Erwärmung verantwortlich sind

Kondensstreifen wirken wie ein künstlicher Treibhauseffekt in Zeitraffer. Sie lassen die Sonne rein, aber die Wärme nicht mehr raus. Da sie nur unter ganz bestimmten Bedingungen (feuchte, kalte Luftschichten) entstehen, ist das Ziel von Projekten wie dem von TUI, diese „Hotspots“ einfach zu umfliegen.

Wie bilden sich Kondensstreifen?

Bevor wir dazu kommen, wie wir die Dinger umfliegen, möchten wir kurz darauf eingehen, wie Kondensstreifen überhaupt entstehen.

Kondensstreifen entstehen, wenn heiße, feuchte Triebwerksabgase auf sehr kalte Luft in großer Höhe treffen.
Dann gefriert der Wasserdampf zu winzigen Eiskristallen. Das ist der sichtbare weiße Streifen am Himmel. Solche Bedingungen gibt es typischerweise in Reiseflughöhen, also grob ab etwa 8 bis 12 Kilometern Höhe. Quellen: TUI Group, DLR.

Wann lösen sich Kondensstreifen schnell wieder auf?

Sie verschwinden meist schnell, wenn die umgebende Luft zwar kalt genug ist, aber zu trocken ist. Dann finden Eiskristalle nicht genug Feuchtigkeit und lösen sich schnell wieder auf.
Diese kurzlebigen Kondensstreifen sind für uns nicht relevant.

Wann halten Kondensstreifen lange und werden klimawirksam?

Problematisch sind Kondensstreifen vor allem dann, wenn die Luft in der Umgebung nicht nur kalt, sondern auch sehr feucht ist. Dann bleiben die Eiskristalle bestehen und wachsen sogar weiter. Die Kondensstreifen weiten sich also aus.

Diese langlebigen Kondensstreifen sind klimatisch relevant, weil sie über Stunden Wärme in der Atmosphäre zurückhalten können. Genau solche Zonen wollen Projekte wie das von TUI gezielt umfliegen. TUI und DLR sprechen dabei von bestimmten atmosphärischen Bereichen bzw. Mikroklimata, in denen langlebige Kondensstreifen besonders wahrscheinlich sind. Quellen: TUI Group, TUI Blog, DLR.

kalte, trockene Luft: Kondensstreifen entstehen eventuell, verschwinden aber oft schnell.
kalte, feuchte Luft: Kondensstreifen bleiben bestehen, wachsen zu Eiswolken und wirken stärker aufs Klima

Wie hat man die Bildung von Kondensstreifen reduziert?

TUI beschreibt den Vorgang als „Contrail Avoidance Routing“. Flugrouten werden vorab analysiert und es wird abgeschätzt, wo langlebige Kondensstreifen entstehen könnten.
Auf Basis dieser Daten wird dann eine andere Flughöhe oder eine Ausweichroute geplant und mit der Flugsicherung abgestimmt.

Die Erkenntnisse in Kürze: Was hat es gebracht, die Kondensstreifen zu reduzieren?

Zeitraumeine Woche im Frühjahr 2025
analysierte Flüge300
Vermiedene CO2-Emissionen15.600 Tonnen CO₂-Äquivalent (CO₂e)
Mehr CO2-Emissionen durch längere Flugrouten160 Tonnen CO₂
Durchschnittliche Flugzeit2 Minuten pro Flug
Kosten pro Tonne CO2 Äquivalent22 $
  1. Quelle: airliners.de ↩︎
  2. Laut Marc Shapiro von Contrails.org, ↩︎

Was wäre, wenn man das auf alle Flüge ausweitet?

Wir haben täglich zwischen 100.000 und 150.000 kommerzielle Flüge täglich. Etwa 5 % dieser Flüge müssten umgeleitet werden, um die langlebigen Kondensstreifen zu reduzieren.
Also: 5.000 bis 6.000 Flüge täglich.

Das bedarf natürlich einer genauen Abstimmung mit der Flugsicherung und gerade an den „Hotspots“ wird der Luftraum dann sicher auch knapp, so dass nicht alle Flüge umgeleitet werden können. Aber Theoretische Berechnungen zeigen, dass durch gezielte Vermeidung von langlebigen Kondensstreifen bis zu 80 % der durch Kondensstreifen verursachten Erwärmung verhindert werden könnten.

Das entspricht einem Einsparpotenzial von etwa 0,8 bis 1,6 % der globalen Erwärmung.
In CO₂-Äquivalenten ausgedrückt, könnte das eine Reduktion von mehreren Millionen Tonnen CO₂e pro Jahr bedeuten.

Fazit

Man darf die Zahlen nicht verwechseln: 1,6 % der globalen Erwärmung bedeutet lediglich, dass das diesen Anteil an der gesamten vom Menschen gemachten Erderwärmung ausmacht. Die Vermeidung von Kondensstreifen rettet das 1,5-Grad-Ziel nicht im Alleingang. Aber sie ist der vielleicht schnellste Hebel, den die Luftfahrt hat. Während der Umstieg auf grüne Kraftstoffe Jahrzehnte dauert, wirkt das Umfliegen von feuchten Luftschichten sofort. Es ist kein Ersatz für den Klimaschutz, aber ein wertvoller Zeitjoker.

Angesichts der riesigen Herausforderungen im Kampf gegen den Klimawandel mag die Zahl gering erscheinen. Aber der Effekt tritt sofort ein und ist mit überschaubaren Kosten verbunden.
Meiner Meinung nach sollten wir das genau deshalb einfach machen! Ein wichtiger Beitrag, um auch Deinen Urlaub nachhaltiger zu machen.

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