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Sind Mini-AKWs die Lösung?

Spoiler direkt zu Beginn dieses Deep Dive Artikels: Nein! Und zwar nicht aus ideologischer Sicht, denn natürlich schreit mein grünes Herz reflexartig mit jeder Faser „Nein! Auf gar keinen Fall“. Wir möchten uns in diesem Artikel anschauen, was diese Mini-AKWs eigentlich genau sind, welche Vor – und Nachteile sie mit sich bringen, wie viel sie kosten, was es bedeuten würde, wenn wir 100 % unseres Strombedarfs mit Mini-AKWs decken würden und wie der direkte Vergleich mit nachhaltigem Ökostrom aussieht.

Es gibt ja eine Faustformel, wie man politische Themen ganz einfach einordnen kann: Je lauter Markus Söder etwas fordert, desto blöder ist die Idee.

Aber wir sind keine Populisten, also her mit den Fakten:

Was sind Mini-AKWs?

Korrekterweise müssen wir von Small Modular Reactors (SMR) sprechen. Tatsächlich beschreibt das auch besser, was sich dahinter verbirgt: Kleine Module, die am Fließband produziert werden und dann per Lkw an den Standort transportiert und dort aufgestellt werden. Ein Modul hat dann eine Leistung von 50 bis 300 Megawatt. (je nach Bauweise)

Wie viel Strom erzeugt ein Mini-AKW?

Gehen wir von der Leistung von 300 Megawatt aus, dann erzeugt ein Modul im Jahr ca. 2,3 Mio. Megawattstunden Strom. Wenn es das ganze Jahr durchläuft, 10 % Wartungszeit abgezogen. Das entspricht in etwa dem Stromverbrauch von 700.000 Haushalten. Allein Berlin bräuchte also 4-5 Mini-AKWs.

Wie viele Mini-AKWs bräuchten wir, um unseren Strombedarf zu decken?

Der Strombedarf in Deutschland liegt zwischen 400 und 550 Terawattstunden (Quelle: Umweltbundesamt)
Angenommen wir nutzen ausschließlich die großen Module, also die mit 300 Megawatt Leistung, dann brauchen wir allein in Deutschland 230 Mini-AKWs, um unseren gesamten Strombedarf zu decken.

Wie lange dauert der Bau eines Mini-AKWs?

Wir bewegen uns hier im Bereich der Schätzung, da es weltweit noch keine SMR Fabrik gibt.
Wenn eine Fabrik 5-10 Module pro Jahr produzieren kann, dann bräuchte diese eine Fabrik 50 bis 100 Jahre, um genügend Mini AKW zu produzieren für unseren gesamten Strombedarf. Bei einer Lebensdauer von 60 Jahren (Quelle: Rolls Royce SMR) müsste allerdings parallel die Produktion der neuen SMR Modulen laufen.

Wie viel kostet ein Mini-AKW?

Wir müssen hier unterscheiden. Aktuell belaufen sich die Kosten bei 2 bis 6 Mrd. Euro pro Modul (300 MW) Da die Idee dahinter aber ist, sie am Fließband zu fertigen, gehen die Kosten mit der Zeit natürlich runter. Es wird angestrebt: 1 bis 3 Mrd. Euro.

Wie teuer wäre der Strom für den Endverbraucher?

Die reine Erzeugung liegt bei 12 – 25 Cent pro kWh. Inklusive aller Abgaben, Steuern und Netzentgelt kostet die Kilowattstunde dann 25 bis 40 Cent. (Quelle: Tagesschau.de)

Hinzu kommen dann Kosten für die Lagerung des Atommülls, denn der fällt auch bei Mini-AKWs an.
Befürworter verweisen hier gerne darauf, dass heutzutage viel längere Brennstoffintervalle möglich sind. Theoretisch sind tatsächlich 10-20 Jahre möglich.
ABER: sogenannte „Sealed core Reaktoren“ existieren aktuell nur auf dem Papier. Am nächsten dran sind oft Mikroreaktoren (kleine Leistungen, abgelegene Standorte, Militär/Industrie), wo ein versiegelter Kern logistisch Sinn macht.
Aktuell haben wir jährliche Kosten von 271 Mio. Euro für die Zwischenlagerung des bestehenden Atommülls. (Quelle: DW) Wenn wir jetzt jährlichen neuen Atommüll einlagern, dann steigen die Kosten deutlich. Eine Black-Box ist hierbei die Kosten für die Verlegung des Zwischenlagers, denn Asse läuft gerade voll mit Wasser.

Lagerung des Atommülls, Baum und Rückbau von AKWs dürften wohl aus dem Steuertopf bezahlt werden und nicht über den Strompreis. Aber am Ende zahlen wir alle die Rechnung dafür.

Die geopolitische Situation

Mini-AKWs würden uns in eine vollständige Abhängigkeit von Drittstaaten manövrieren

  1. Rohstoff: Wir müssten Uran aus Kanada/Australien beziehen, um sicher zu sein, bräuchten aber europäische Fabriken für die Anreicherung (hohe Kosten).
  2. Technologie: Wir müssten uns vermutlich für ein US-Design (Abhängigkeit von Washington) oder ein europäisches Design (derzeit noch unsicher und teurer) entscheiden.
  3. Wettbewerb: Die Produktion „vom Fließband“ findet dort statt, wo der größte Binnenmarkt ist. Da Deutschland allein zu klein für eine eigene Fabrikstraße sein könnte, müssten wir uns einer globalen Lieferkette anschließen – und die Kontrolle darüber liegt heute in den USA oder China.

Ein SMR-System ist ein hoch konzentriertes technisches System. Wer das „Fließband“ kontrolliert, kontrolliert die Energiesicherheit der Käuferländer – auf Jahrzehnte hinaus.

Mini-AKWs: Pro und Kontra

Pro (Argumente für den Einsatz)

  • CO2-arme Grundlast: SMRs liefern – anders als Wind und Sonne – wetterunabhängig rund um die Uhr Strom. Das reduziert den Bedarf an teuren Großspeichern oder Wasserstoff-Backups für die „Dunkelflaute“.
  • Modulare Serienfertigung: Durch die Herstellung in Fabriken (statt auf individuellen Großbaustellen) sollen Bauzeiten verkürzt und Qualitätsstandards durch Automatisierung erhöht werden.
  • Passive Sicherheit: Viele Designs nutzen physikalische Gesetze (wie Schwerkraft oder natürliche Konvektion) zur Kühlung. Selbst bei einem totalen Stromausfall soll eine Kernschmelze so theoretisch verhindert werden.
  • Flexible Standortwahl: Aufgrund der geringeren Größe könnten SMRs theoretisch näher an Industriezentren oder auf alten Kohlekraftwerks-Geländen errichtet werden, was den Netzausbau vereinfacht.
  • Vielseitigkeit: SMRs können neben Strom auch Prozesswärme für die Industrie oder Fernwärme für Städte liefern, was bei der Dekarbonisierung der Wärme hilft.

Kontra (Herausforderungen und Risiken)

  • Wirtschaftlichkeit: Aktuell sind SMRs pro erzeugter Kilowattstunde teurer als Wind und Solar. Die „Billigkeit durch Fließband“ ist bisher eine Theorie; frühe Pilotprojekte (z. B. NuScale in den USA) litten bereits unter massiven Kostensteigerungen.
  • Abhängigkeit von Exportländern: Da die Fabriken für die Serienfertigung vermutlich in den USA, China oder Russland stehen werden, entsteht eine jahrzehntelange technologische Abhängigkeit (Ersatzteile, Software-Wartung, Expertenwissen).
  • Brennstoff-Problem: Viele moderne SMRs benötigen HALEU-Brennstoff. Der Weltmarkt wird hier derzeit von Russland dominiert. Ohne eigene Anreicherungskapazitäten in Europa droht eine neue Energieabhängigkeit.
  • Atommüll & Endlagersuche: Auch SMRs produzieren hochradioaktiven Abfall (bei 100 % Deckung ca. 1.100–1.700 Tonnen/Jahr). In Deutschland ist die Endlagerfrage politisch und geologisch weiterhin ungelöst; die Zwischenlagerung verursacht dauerhafte Kosten.
  • Hohe Stückzahlen nötig: Um Deutschland zu 100 % zu versorgen, bräuchte man hunderte bis tausende Module. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für so viele neue Standorte (NIMBY-Effekt) gilt als extrem gering.
  • Zeitfaktor: Die Serienreife wird erst für die 2030er Jahre erwartet. Bis eine nennenswerte Flotte in Deutschland stünde, müsste die Energiewende (laut Klimazielen 2045) bereits abgeschlossen sein.
  • Proliferationsrisiko: Die weltweite Verbreitung vieler kleiner Reaktoren erhöht die Herausforderung, die Kontrolle über nukleares Material sicherzustellen (Schutz vor Missbrauch oder Terrorismus).

Kann man Mini-AKWs und erneuerbare Energien parallel laufen lassen?

Nein! Hier besteht ein Systemkonflikt. AKWs lassen sich nicht beliebt herauf und herabfahren, wie Gas- und Kohlekraftwerke. Sie laufen immer. Erneuerbare Energien brauchen aber genau diese flexible Zuschaltung von anderen Kraftwerken. Solar- und Windkraftanlagen müssen dann abgeschaltet werden, obwohl gerade kräftig die Sonne scheint oder Wind weht. Ein Wiedereinstieg in die Kernenergie wäre de facto das Aus für die erneuerbaren Energien und damit das Aus für günstigen Strom.

Und genau deshalb haben sie den Artikel auch unter der Prämisse geschrieben „Deutschland deckt 100 % seines Strombedarfs mit Mini-AKWs.“

Vergleich: Erneuerbare Energien vs. SMR

KategorieErneuerbare Energien (Wind & Solar + Speicher)SMR (Mini-AKW / Leichtwasser)
Stromkosten (LCOE)sehr niedrig: ~3–8 ct/kWh (Erzeugung), Systemkosten extrahoch: ~6–12 ct/kWh (optimistisch), FOAK deutlich höher
Kostenstrukturniedrige Betriebskosten, kaum Brennstoffkostenextrem hohe Fixkosten, stark zinsabhängig
Bauzeit1–5 Jahre8–15 Jahre (inkl. Genehmigung)
Skalierbarkeitsehr schnell, modular, global verfügbarbegrenzt durch wenige Fabriken & Lieferketten
Flexibilitätvariabel (abhängig vom Wetter), braucht Speicher/Netzetechnisch regelbar, aber wirtschaftlich unflexibel („must-run“)
Grundlastfähigkeitnur mit Speichern / Backupja (klassische Stärke)
Systemintegrationbenötigt Netzausbau + Speicherkonkurriert mit EE um Netzkapazität
CO₂-Emissionensehr niedrigsehr niedrig
Flächenbedarfhoch (sichtbar, dezentral)gering (zentral)
Abhängigkeiten (Geo)Rohstoffe (China dominiert PV/Batterien)Uran + Anreicherung + Technologie (USA, Russland, China)
Brennstoffabhängigkeitkeinedauerhaft nötig (Uran, ggf. HALEU)
Versorgungssicherheitwetterabhängig, aber diversifizierbarstabil, aber abhängig von Lieferketten
Atommüllkeinerhochradioaktiver Abfall (Endlagerproblem)
Unfallrisikosehr geringgering, aber mit potenziell sehr hohen Schäden
Sicherheitsanforderungengeringextrem hoch (Schutz, Terror, Proliferation)
Akzeptanzoft lokal umstritten (Windräder etc.)stark politisch/gesellschaftlich umstritten
Wasserbedarfminimalhoch (Kühlung)
Lebensdauer20–30 Jahre (Repowering möglich)60–80 Jahre
Rückbaukostenmoderatsehr hoch und langfristig
Zwischenlagerkostenkeinevorhanden (zusätzliche Systemkosten)
Innovationsdynamiksehr hoch, Kosten sinken weiterlangsam, hohe regulatorische Hürden
Industriepolitikviele Anbieter, Wettbewerbwenige Anbieter, hohe Marktkonzentration
Zeit bis Klimawirkungsofort skalierbarWirkung erst in 2030–40er Jahren
Geeignet für Deutschlandgut (hohes Wind-/Solarpotenzial)schwierig (Kosten, Akzeptanz, Abhängigkeit)

Unser Fazit: Sind Mini-AKWs die Lösung?

Nein. Nein und noch einmal Nein. Höhere Kosten, höhere Risiken, vollständige Abhängigkeit von Drittstaaten und die nach wie vor unbeantwortete Endlagerfrage. Ein Zurückschwenken auf Kernkraft würde die erneuerbaren Energien und somit die günstigste Energieerzeugung im ersten Schritt teurer machen (Merit-Order-Prinzip) und den schleichenden Tod einläuten, da es in dieser Frage nur ein „ganz oder gar nicht“ gibt.

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