Der Main schlängelt sich friedlich an den Weinbergen auf der rechten Flussseite entlang. Weinreben, soweit man blicken kann. Retzbach, Thüngersheim, Würzburg – Hier inmitten des fränkischen Weinlandes bin ich aufgewachsen. Wein ist allgegenwärtig, egal ob in Gesprächen mit dem Nachbarn über Öchsle, bei den zahlreichen Weinfesten in den schmalen, verwinkelten Gässchen der Weinorte, oder in der Heckenwirtschaft. Biowein ist auch in Franken zum Thema geworden und auch die Nachhaltigkeit nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Aber was ist eigentlich nachhaltiger Wein? Wir erklären den Unterschied zu Biowein und zeigen Siegel, an denen Du Dich orientieren kannst.
Nachhaltiger Wein oder Biowein? Was ist der Unterschied?
Biowein und nachhaltiger Wein sind nicht dasselbe! Biowein berücksichtigt ausschließlich ökologische Aspekte beim Anbau, vernachlässigt aber trotzdem oft die Biodiversität, weil auch Bioweinproduzenten zu oft auf Monokulturen setzen. Während nachhaltiger Wein, die gesamte Wertschöpfungskette im Blick hat. Also über das Abfüllen (zum Beispiel durch den Einsatz von dünnwandigen und damit ressourcenschonenderen Flaschen) bis hin zur Logistik und dem allgemeinen Betrieb des Unternehmens (z.B. Recycling und Ökostrom). Auch dazu gehört ein noch sparsamerer Einsatz von Düngemitteln als bei Biowein, und das auch nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist.
Bei europäischen Weinen können wir das Thema Arbeitsbedingungen und faire Löhne vernachlässigen. Bei Wein aus anderen Regionen müssen wir auch darauf achten. Dennoch spielen soziale Aspekte eine wesentliche Rolle.
Immer noch gibt es Regionen, da ist es üblich, mit Helikoptern großflächig Pflanzenschutzmittel über die Weinberge zu sprühen. Im Kanton Wallis, zum Beispiel. Auch in Rheinland-Pfalz wird noch fleißig per Helikopter gesprüht. Während man in Franken etwa vermehrt auf pilzresistente Rebsorten setzt.
| 🍇 | Naturnaher Weinbau |
| 🏞️ | Bio |
| 🤝 | Faire Löhne |
| 🐝 | Engagement Biodiversität |
Nachhaltiger Wein: Diese Nachhaltigkeitssiegel gibt es
Neben regionalen Auszeichnungen, wie zum Beispiel der Preis für Nachhaltigkeit in Rheinhessen oder Management-Systemen wie EcoStep, möchten wir auf 3 bekannte Siegel eingehen, die überall für uns Verbraucher sichtbar sind:
Fair N’Green
Der noch junge Verein Fair N’Green e.V. (Gründung 2013) berät, prüft und kontrolliert Winzer bei ihren Nachhaltigkeitsbemühungen. Dafür werden die 4 Bereiche Umwelt, Betriebsführung, Gesellschaft und die Wertschöpfungskette betrachtet. Hinter dem Verein steht die Athenga GmbH, eine Beratungsagentur für Nachhaltigkeit.
Die Kriterien zusammengefasst:
- naturnaher Weinbau
- Umweltschutz und Biodiversität (Projekt Ambito – Entwicklung und Anwendung eines modularen Biodiversität-Toolkits für den Weinbau in Deutschland)
- schonender / verantwortungsbewusster Umgang mit Ressourcen
- faire Löhne
- Gesellschaftliche Verantwortung
- Reduktion und Kompensation von CO₂ (über die eigene Initiative Save Climate)
Fairchoice
Hinter dem Siegel steckt das Deutsches Institut für Nachhaltige Entwicklung e.V. an der Hochschule Heilbronn. Wie bei allen Nachhaltigkeitssiegeln müssen auch bei Fairchoice zu Beginn nicht alle Kriterien voll erfüllt sein, werden aber regelmäßig überprüft. Fairchoice richtet sich nicht ausschließlich an Weinbauern, sondern auch an Bäcker*innen, Biobauern, Braumeister*innen und mehr.
Die Kriterien von Fairchoice unterteilen sich in die Bereiche
- Ökologie: sparsamer Einsatz von Wasser, Förderung der Biodiversität, CO₂ Emissionen, Pflanzenschutz, Bodengesundheit
- Soziales: gesellschaftliches Engagement, faires Arbeitsumfeld, fairer Wettbewerb,
- Ökonomie: Stabilität, Liquidität, Rentabilität und Risikomanagement
ECOVIN
Das Label des Bundesverbandes ökologischer Weinbau e.V. konzentriert sich vor allem auf Bioqualität, geht aber weiter als „nur“ Biowein. Ferner müssen Weingüter auf tierische Bestandteile verzichten. Damit sind ECOVIN-Weine vegan – aber nicht alle Weingüter haben auch das V-Label. Über 200 Weingüter sind Mitglied im Verein.
Die Kriterien von ECOVIN
- Ökologische Landwirtschaft & Biodiversität
- Keine Kunstdünger und andere nicht natürliche
- Reduktion von Energie- und Ressourcenverbrauch
- Hilfsstoffe möglichst aus ökologischer Erzeugung
- Keine Gentechnik
- Sozialverträglichkeit/Wertschätzung der Mitarbeiter
Veganer Wein (V-Label)
Oft werden Veganer ausgelacht, wenn auf einer Flasche Wein plötzlich das Vegan-Label steht. Tatsächlich ist das für uns wichtig. Wein wird nämlich oft mit Gelatine geklärt und wir möchten eben lieber keine Knochen in unserem Wein haben, egal in welcher Form. Vegan heißt aber nicht gleichzeitig nachhaltig! Das V-Label bezieht sich ausschließlich darauf, dass das Produkt nicht mit tierischen Stoffen in Berührung gekommen ist. Wir halten das definitiv für nachhaltiger als den Einsatz von Gelatine und deshalb möchten wir vegane Weine hier extra auflisten. Eine tolle Auswahl an veganen Weinen findest Du auf bei velivery.
Delinat

Bei Delinat* handelt es sich um kein unabhängiges Siegel. Die Delinat AG hat eigene Richtlinien für ihre Winzer, die vor allem das Thema Biodiversität in den Fokus stellen und das bereits seit 1980. Das Schweizer Portal labelinfo.ch hat Delinat mit „ausgezeichnet“ bewertet. Man kann Delinat wohl am ehesten mit GEPA vergleichen: eigene sehr hohe Standards.
Die Delinat Kriterien zusammengefasst:
- Die gesamte Wertschöpfungskette muss biologisch bewirtschaftet werden
- Keine Gentechnik, Nanotechnologie und ionisierender Strahlung
- Verpflichtung aller Winzer zu einer jährlichen Weiterbildung
- Verbot von Mineraldünger und Phosphor. Alle Betriebe müssen als Ziel haben, ausschließlich organische Düngemittel (Kompost oder Viehmist)
- Verbot von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln
- weitestgehender Verzicht von Bewässerung
- mindestens 12 % ökologische Ausgleichsflächen müssen direkt angrenzen
- Anbau von Hochstammbäumen, Wildsträucher und Blühstreifen innerhalb der Rebflächen
- Die Weinberge müssen mindestens 6 Monate begrünt sein. Die Fahrgassen sollen ganzjährig begrünt werden
Clevere Ideen für mehr Nachhaltigkeit
Es gibt einige spannende Ideen, die Nachhaltigkeit bei Wein auf ein neues Level heben. Gerade das Thema Verpackung, also die Flaschen treibt die start-ups um.
Abgefüllt | Nachhaltiger Wein in Bierflaschen
Die Idee klingt so absurd und befremdlich wie genial! Das Start-up abgefüllt aus Köln füllt Wein aus biodynamischer Landwirtschaft in Bierflaschen ab. Warum gerade Bierflaschen? Die Antwort ist naheliegend: Pfand. Weinflaschen sind in der Regel keine Mehrwegflaschen. Und Bierflaschen nimmt jeder Automat an, völlig egal, was vorher drin war. Man muss hier also kein zusätzliches System installieren. Wir halten diese Idee für großartig. Innovativ, gerade weil sie so einfach ist. Die aktuell 4 Sorten (weiß, rot, rosé und golden) stammen alle aus Deutschland und sind allesamt vegan.
WNTN | Wein in Plastikflaschen
Der PET-Kreislauf funktioniert ja grundsätzlich schon optimal. Aber Wein in Plastikflaschen? Really? Naja so ganz stimmt das gar nicht, denn nur außen ist Plastik. Innen besteht die Flasche aus einem dünnen Glaskern. Der Wein kommt also gar nicht mit Plastik in Berührung. Das hat zur Folge, dass die Flasche volle 400 Gramm leichter ist als herkömmliche Weinflaschen und das reduziert die CO2 Emissionen um 50%. Erste Winzer füllen ihren Wein bereits in diese Flaschen. Das Mainzer start-up WNTN hat die Flasche im Herbst 2025 zur Marktreife gebracht. (Quelle: SWR)