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Was bringt eine Verpackungssteuer?

Ich bin ehrlich. Als ich mir das Thema Verpackungssteuer auf die Agenda geschrieben habe, wollte ich zu einem Rundumschlag ausholen und ein flammendes Plädoyer für eine Verpackungsabgabe abfeuern. Entschieden habe ich mich dann aber doch für eine differenzierte Herangehensweise und alle Seiten zu betrachten. Also: Ein echter Deep Dive in die Idee der Verpackungsabgabe.

Effekte der Verpackungssteuer in Kürze

Um den Effekt der Verpackungssteuer zu verstehen, müssen wir das Thema aus zwei Blickwinkeln betrachten:
1. Klimagerechtigkeit. Wer trägt die Kosten für die Entsorgung im öffentlichen Raum? = vernachlässigbar
2. Ökologie und Ressourcen. Führt eine Verpackungssteuer zu weniger Müll? = starke Lenkungswirkung

Ist eine Verpackungssteuer klimagerecht?

Von der Seite habe ich zuerst über eine Verpackungssteuer nachgedacht. Klar, gemäß des Verursacherprinzips klingt das ja gerecht. Wer Müll kauft, soll Müll bezahlen. Aber, jetzt landet der Verpackungsmüll vom bestellten Essen ja in der Regel im Hausmüll und die Entsorgung wird auch von den Kunden selbst bezahlt. Bleibt also der Müll im öffentlichen Raum – kurz Straßenmüll.

Eine gemeinsame Studie von BMU (Bundesministerium für Umwelt) und VKU (Verband kommunaler Unternehmen) hat 2020 ergeben, dass ca. 20 % des Straßenmülls Einwelgkunstroffe, wie to-go-Verpackungen und andere Einwegplastik aber auch Zigarettenkippen ausmachen (nach Volumen).

Und wer bezahlt die Entsorgung?

ca. 700 Mio. € pro Jahr für Straßenmüll‑Entsorgung (Littering + Straßenpapierkörbe) in Deutschland. Inkl. Personal, Fahrzeugen, Entsorgung etc.
Nehmen wir davon jetzt mal 25 % für die to-go-Verpackungen, sind wir bei 176 Mio. € pro Jahr. Umgerechnet auf 84 Mio. Einwohner sind das 2,10 € pro Einwohner pro Jahr.

Moment mal…. Wieso denn 25 %? Die oben angegebenen 20 % bezieht sich auf den Volumenanteil des Mülls. Kostenseitig sind diese Fraktionen wegen des höheren Aufwands überproportional, deshalb legt die Studie für Einwegkunststoffe rund 25 % der Gesamtkosten zugrunde.

Also: 2 Euro pro Jahr. Ist das wirklich der Hebel, bei dem wir von Gerechtigkeit sprechen wollen?

Hat die Verpackungssteuer eine Lenkungswirkung?

Wir müssen an der Stelle wohl nicht erwähnen, dass Mehrweg besser ist als Einwegverpackungen. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir alle, egal wie sehr wir auf Nachhaltigkeit achten, schon Einwegverpackungen gewählt, weil es einfach praktischer ist. Wir haben in Next Wave das Startup Sykell vorgestellt, das eine Lücke im Rücknahmeprozess schließt. Aber schauen wir doch mal nach Tübingen, denn hier ist die Verpackungssteuer seit 2022 aktiv. Und es zeigen sich erste Auswirkungen:

  • 15–40 % weniger ausgegebene Einweg‑To‑go‑Verpackungen je nach Branche (Bäckereien am stärksten, Fast Food am geringsten).
  • Mehrweganteil hat sich in einigen Kategorien vervielfacht (z. B. Becher).
  • Deutlich sauberere Innenstadt, gemessen durch:
    • weniger Reinigungsgänge notwendig,
    • geringere Füllmengen der Papierkörbe,
    • niedrigere Littering‑Last.

Die Steuer dort beträgt:

  • 50 Cent pro Einweg‑Becher/Box,
  • 20 Cent für Einwegbesteck etc.

Wie groß ist das das Potenzial einer Verpackungssteuer für Berlin?

Übertragen wir diese Erfahrungswerte mal auf Berlin, wo die Verpackungssteuer ein Wahlkampfthema sein wird.

Eine Verpackungssteuer verhindert in Berlin 50–150 Millionen Einwegverpackungen pro Jahr

Ganz einfach, weil nur der Griff in den Geldbeutel Verbraucher zum Umdenken bewegt.

Die Ökobilanz

„Ein Mehrweg-Becher verursacht über seine Lebensdauer – inklusive Herstellung, Spülen und Transport – etwa 10–15 Gramm CO₂ pro Nutzung. Ein vergleichbarer Einwegbecher liegt bei 20 bis 50 Gramm. Ähnlich bei Bowls und Besteck. Bei 50 bis 150 Millionen vermiedenen Einwegverpackungen im Jahr ergibt das für Berlin ein Einsparpotenzial von grob 1.000 bis deutlich über 5.000 Tonnen CO₂ jährlich, je nach tatsächlichem Mehrweg-Umlauf.“

Das enspricht:

  • etwa 750–900 Erdumrundungen mit dem Auto
  • 5.000 Transatlantikflügen pro Person.
  • der jährlichen CO₂-Aufnahme von etwa 500 000 Bäumen

„Wenn Berlin durch eine Verpackungssteuer rund 5.000 Tonnen CO₂ im Jahr einspart, ist das so viel wie die jährlichen Emissionen von etwa 1.000 bis 1.500 Haushalten – oder über 30 Millionen mit dem Auto gefahrenen Kilometern. Wir reden hier nicht über Kleinkram, sondern über den Gegenwert von einer halben Million Bäume, die jedes Jahr CO₂ binden müssten.“

PFAS, die bei beschichtetem Verpackungsmaterial häufig verwendet werden, haben wir an der Stelle noch gar nicht berücksichtigt

Gastrosterben durch Verpackungssteuer?

Aber, kaufen die Kunden wegen der Verpackungssteuer weniger oder seltener? Könnte man meinen. Aber Tübingen zeigt: Dem ist nicht so. Es gibt zwar keine belastbare Studie aber eine Zahl spricht Bände: Es gibt keine erkennbare Insolvenzwelle in der Gastronomie.
Klar, wenn man McDonald’s und Co. oder Lobbyverbände fragt, dann hat die Verpackungssteuer zu „massivem Gästeverlust“ geführt. Aber dann wären auch die Insolvenzen nach oben gegangen. Sind sie aber nicht. Das können wir mit dem Rauchverbot vergleichen. Damals hat man von Kneipensterben gesprochen und der DEHOGA hat in einer maßlosen Untergangs-Rhetorik ordendlich Stimmung gemacht. Und was ist wirklich passiert? Nichts! Heute ist es zur Normalität geworden, niemand beschwert sich darüber.

Pro & Contra Verpackungssteuer

Schauen wir uns das Thema zum Schluss noch einmal ganz neutral an:

Infografik Pro und Contra Verpackungssteuer

Pro (Argumente für die Steuer)

  • Massive Lenkungswirkung (Müllvermeidung): Der stärkste Hebel. Eine Steuer von z. B. 50 Cent macht den Preisunterschied zwischen Einweg und Mehrweg sofort spürbar. In Tübingen sank die Menge an Einwegverpackungen in einigen Bereichen um bis zu 40 %. Für Berlin entspräche das einer Vermeidung von ca. 50 bis 150 Millionen Einwegverpackungen pro Jahr.
  • Saubereres Stadtbild (Littering-Reduktion): Weniger Einwegverpackungen bedeuten weniger überquellende öffentliche Mülleimer und weniger Abfall in Parks, Grünanlagen und auf Gehwegen. Das steigert die Aufenthaltsqualität in touristischen und belebten Kiezen (z. B. Mitte, Kreuzberg, Neukölln).
  • Förderung lokaler Mehrweg-Infrastruktur: Die Steuer zwingt Gastronomen, sich mit Systemen wie Vytal, Recup oder Sykell auseinanderzusetzen. Dies stärkt die Dichte an Rückgabestationen in Berlin und macht Mehrweg für die Bürger komfortabler („Netzwerkeffekt“).
  • Verursacherprinzip: Aktuell zahlt die Allgemeinheit über die Stadtreinigungsgebühren (BSR) für die Entsorgung des To-go-Mülls. Die Steuer verschiebt die Kostenverantwortung zu denjenigen, die Einwegverpackungen in Umlauf bringen bzw. konsumieren.
  • Klimaschutz und Ressourceneffizienz: Die Herstellung von Einwegverpackungen (auch aus Pappe/Papier) verbraucht enorme Mengen an Wasser, Energie und Holz/Chemie. Mehrweg schneidet bei hoher Umlaufzahl (ab ca. 15–25 Zyklen) ökologisch deutlich besser ab.

Contra (Argumente gegen die Steuer)

  • Hoher bürokratischer Aufwand: Die Erhebung der Steuer bei tausenden Spätis, Imbissen, Cafés und Restaurants in Berlin erfordert einen massiven Verwaltungsapparat. Die Kosten für die Kontrolle und Eintreibung könnten einen erheblichen Teil der Einnahmen wieder auffressen.
  • Finanzielle Belastung für kleine Betriebe: Besonders inhabergeführte Gastronomiebetriebe (Dönerläden, kleine Cafés) befürchten Wettbewerbsnachteile gegenüber großen Ketten, die Umstellungen logistisch leichter stemmen können. Zudem müssen sie die Steuer administrativ abrechnen.
  • Soziale Aspekte/Preissteigerung: To-go-Essen ist oft eine günstige Verpflegung für Geringverdiener oder Studierende. Eine Steuer von 50 Cent pro Mahlzeit kann bei täglichem Konsum eine spürbare Mehrbelastung darstellen, wenn kein Mehrweg genutzt werden kann (z. B. mangels Rückgabemöglichkeit auf dem Arbeitsweg).
  • Rechtliche Unsicherheit und Klagerisiko: Obwohl das Bundesverwaltungsgericht die Tübinger Steuer grundsätzlich bestätigt hat, gibt es weiterhin juristische Detailfragen (z. B. Abgrenzung zum Bundesrecht). Berlin müsste mit langwierigen Klagen der Systemgastronomie (z. B. McDonald’s) rechnen.
  • Hygiene- und Logistik-Hürden: Viele kleine Betriebe haben keinen Platz für industrielle Spülmaschinen oder die Lagerung von schmutzigem Mehrweggeschirr. Die Umstellung auf externe Reinigungsservices (wie bei Sykell) verursacht zusätzliche laufende Kosten.

Unser Fazit zur Verpackungssteuer

Für uns überwiegen die Vorteile. Weniger Müll und weniger CO2 sind schon zwei starke Argumente für eine Verpackungssteuer. Der Contra Punkt zur sozialen Ungerechtigkeit durch Preissteigerung halten wir für vernachlässigbar, denn wer in einer finanziell präkeren Situation lebt, wird wohl kaum täglich einen Coffe to Go trinken und auch nicht ständig bei Lieferando bestellen. Die finanzielle Belastung und die Bürokratie, besonders für kleine Betriebe halte ich allerdings tatsächlich für ein starkes Argument gegen die Verpackungssteuer. Hier muss man weiterdenken, um kleinen Betrieben unter die Arme zu greifen. Man muss von öffentlicher Hand das Rücknahmesystem erleichtern und ggf. eine unabhängige Infrastruktur aufbauen.

Gibt es Alternativen zur Verpackungssteuer?

Unserer Meinung nach, ist die Verpackungssteuer die Maßnahme zur Müllvermeidung mit dem größten Heben, weil es am eigenen Geldbeutel ansetzt. Das wirkt immer am stärksten. Trotzdem gibt es auch Alternativen.

Verpflichtende Mehrwegquoten (EU-PPWR-Modell)

Beispiel: „Mindestens 20 % aller To‑go‑Speisen müssen in Mehrweg ausgegeben werden.“

Wirkung laut OECD / ifeu:

  • sehr stark, systemisch, zwingt Umstellung im Markt.
  • funktioniert auch ohne Kostenbelastung der Kunden.
  • politisch schwer durchsetzbar, weil vielfältige Lobbyinteressen dagegenhalten.

Verpflichtende Annahmepflicht (Refund Network/„Mehrweg immer zurücknehmbar“)

Idee: Jeder Betrieb, der To‑go ausgibt, muss Mehrweg auch zurücknehmen, egal wo gekauft.

Wirkung:

  • senkt Hürden extrem,
  • macht Mehrweg praktisch,
  • erzeugt hohe Rücklaufquoten.

Infrastruktur-Fokus: zentrale Mehrwegstationen/Rückgabeautomaten

Beispiel: automatisierte Rückgabestellen am S‑/U‑Bahnhof, Campus, Kiez.

Wirkung:

  • extrem stark in Städten mit Pendlerverkehr,
  • erleichtert Rückgabe und senkt Hemmschwelle,
  • schafft Routine.

De facto-Pfandpolitik durch Handel (z. B. REWE, Sykell, RECUP)

Wenn größere Händler Mehrweg in den Alltag integrieren, passiert Folgendes:

  • Kunden gewöhnen sich an Mehrweg,
  • auch die Gastro profitiert,
  • Rückgabe wird einfacher.



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